Wie kann Mentaltraining das Leben verbessern?

ORIENTIERUNGSLOSIGKEIT ODER SINNKRISE, LIEBESKUMMER ODER PERSÖNLICHE ENTWICKLUNG – DIE TÄGLICHEN HERAUSFORDERUNGEN, DIE UNSER PSYCHISCHES WOHLBEFINDEN BEEINTRÄCHTIGEN KÖNNEN, SIND ZAHLREICH.
TAMARA CANCELA, FSP-PSYCHOLOGIN UND DOKTORANDIN AN DER UNIVERSITÄT GENF, ERKLÄRT, WIE EIN MENTALTRAINER UNS DABEI HELFEN KANN, WEITERZUKOMMEN.

Mit Gelassenheit durch das Leben zu navigieren ist nicht immer leicht. Dies gilt insbesondere angesichts der durch die Pandemie auferlegten Einschränkungen, die unsere psychische Gesundheit weiterhin auf die Probe stellen. Um die Hürden und Schwierigkeiten, die sich vor uns auftun können, zu meistern, kann ein Mentaltrainer wertvolle Hilfe leisten. Die Psychologin FSP Tamara Cancela, Doktorandin an der UNIGE, erläutert für uns die Vorteile einer solchen Beratung.

mentaltraining

mynd: Bevor Sie konkret auf diese Vorteile eingehen, können Sie definieren, was unter Mentaltraining zu verstehen ist?

Tamara Cancela: Mentaltraining ist im weitesten Sinne eine Begleitung in einem Beratungsprozess. Generell handelt es sich um eine mehr oder weniger gezielte Hilfe. Die Hilfe kann z. B. darauf abzielen, sich selbst besser kennenzulernen, Motivation wiederzuerlangen oder verschüttete Ressourcen zu mobilisieren.

Es kann ausserdem dabei helfen, schlechte Angewohnheiten leichter aus dem Leben zu verbannen und durch neue, bessere Varianten zu ersetzen. Zu beachten ist auch, dass diese Praxis auf fundiertem Wissen und einer universitären Ausbildung in Psychologie beruht.

Interessanterweise kam das Mentaltraining zuerst in der Sportpsychologie zum Einsatz und wird bis heute vor allem gern im Profisport eingesetzt. Das Training wird dabei durch das Visualisieren von Bewegungsabläufen unterstützt. Es folgt ein kleines Beispiel. 

Stellen Sie sich einen Fussballspieler vor, der den ganzen Tag trainiert, um seinen Torschuss zu perfektionieren. Auch er ist irgendwann einmal aus der Puste. Er kann die Trainingseinheit dann mental fortsetzen, indem er im Kopf immer wieder alle Bewegungsabläufe durchgeht. Warum das funktioniert? Weil dabei die gleichen Hirnregionen aktiv sind wie bei der Bewegung selbst.

Welche Einsatzgebiete umfasst das Mentaltraining?

Mentaltraining kennt fast keine Grenzen. In nahezu jeder Situation können Sie spürbar davon profitieren. Am häufigsten kommt es allerdings zu diesen Zwecken zum Einsatz:

  • zum Trainieren der kognitiven Fähigkeiten
  • zur Stressbewältigung und Beruhigung
  • um Angstzustände in den Griff zu bekommen
  • um das Selbstbewusstsein zu steigern
 

Das Training der Kognition gehört zu den grössten Bereichen des Mentaltrainings. Man spricht hier auch gern vom Gehirnjogging. Im Grunde geht es im wahrsten Sinne des Wortes darum, das Gehirn zu trainieren. Es soll leistungsfähiger werden und dies auch im Alter noch möglichst lange bleiben. Das geschieht zum Beispiel durch das Lösen kniffliger Rätsel. So macht das Training richtig Spass.

Manchmal braucht das Gehirn allerdings auch etwas Entspannung. Im stressigen Alltag kommen Methoden zur Beruhigung wie gerufen. Umso leichter fällt es im Anschluss, wieder klare Gedanken zu fassen. In diesem Teil des Mentaltrainings lernen Sie, wie Sie steigenden Stress sofort reduzieren. Sie werden nicht nur belastbarer, sondern auch zufriedener. 

Auch im Umgang mit Angstzuständen ist Mentaltraining eine sehr gute Hilfe. Sie steigern sich nicht immer weiter in die Angst hinein, sondern können mit den erlernten Methoden wieder zur Ruhe kommen. 

Soll mangelndes Selbstbewusstsein aufgebessert werden, empfehlen Mentaltrainer, sich Erfolge immer wieder bildlich vorzustellen. Damit durchleben Sie im Kopf Situationen, in denen Sie alle Hürden überstanden und geglänzt haben. Die positiven Gefühle, die dadurch hervorgerufen werden, motivieren und steigern gleichzeitig das Selbstbewusstsein.

Wie kann man sich mentales Training genau vorstellen? Können Sie einen kleinen Einblick in ein paar Methoden geben, auf die Mentaltrainer gern zurückgreifen?

Nicht nur die Einsatzbereiche des Mentaltrainings sind sehr umfassend. Bei den Methoden sieht es ganz ähnlich aus. Was den meisten wohl zuerst in den Sinn kommt, ist die Meditation, und das ist auch genau richtig. Sie entspannt den Geist und hilft Ihnen dabei, Ihre innere Ruhe zurückzuerlangen. Damit fällt es Ihnen deutlich leichter, sich auf die wichtigen Dinge zu fokussieren.

Ein weiteres Entspannungsverfahren, das gern Anwendung findet, sind Mantras. Sie bestehen aus wenigen Worten oder einem kurzen Satz. Wer sich selbst immer wieder ganz bewusst positive Wörter zuspricht, kann negative Gedanken stumm schalten und positives Denken aufbauen.

Ganz ähnlich funktioniert beispielsweise auch autogenes Training. Es basiert, wie der Name schon verrät, auf Autosuggestion, also dem Trainieren des Unterbewusstseins, an etwas Bestimmtes zu glauben. Die persönlichen Ziele und Wünsche verfestigen sich dadurch im eigenen Denken und beeinflussen damit auch unser Handeln.

Was sind die Vorteile eines Mentalcoaches, insbesondere gegenüber einer individuellen Vorgehensweise in Eigenregie?

Es ist möglich, die Arbeit an sich selbst in Angriff zu nehmen. Einen Aktionsplan auf die eigene Art und Weise zu erarbeiten, ohne die Expertise eines Mentaltrainers in Anspruch zu nehmen. Manche Menschen verfügen über genügend mentale Stärke oder Belastbarkeit, um dies zu tun. 

Der Mental-Coach kann als fürsorglicher externer Experte eine zusätzliche Dimension einbringen, insbesondere wenn es darum geht, einmal einen Schritt zurückzutreten.

Der Psychologe baut eine Allianz mit der Person auf, die er begleitet, und ermöglicht ihr, Dinge über sich selbst zu erkennen. Einen besseren Überblick über ihr Problem zu bekommen und vergessene oder unvermutete Ressourcen zu finden. Ohne eine Patentlösung zu geben, gibt der Psychologe Schlüssel und Hilfestellung, um sich zu verbessern und seine Ziele zu erreichen.

Gibt es Schlüsselmomente oder gar Signale, die darauf hinweisen, dass es an der Zeit ist, sich beraten von einem Mentaltrainer beraten zu lassen?

Das Leben besteht aus schmerzhaften oder komplizierten Momenten und es ist völlig normal, dass es einem nicht immer gut geht. Wir sollten uns also nicht bei der kleinsten Panne oder jedes Mal, wenn es uns nicht gut geht, Sorgen machen. 

Andererseits ist es bei anhaltendem oder sogar wiederkehrendem Unwohlsein sinnvoll, die Expertise eines Fachmannes in Anspruch zu nehmen. Das Gleiche gilt, wenn wir uns hilflos fühlen oder etwas mit einem Gefühl der Ohnmacht auf uns lastet. Im Sinne von “es ist zu viel”.

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Jede Situation ist anders, und alles beginnt mit einem Zuhören seitens des Psychologen. Generell kann man aber festhalten, dass Coaching ein gewisses Mass an Aktion bedeutet. Dabei ist die Entschlossenheit der zu coachenden Person wesentlich, weil sie sich aktiv in den Prozess einbringen soll. 

Das kann bedeuten, ein Tagebuch über die eigenen Emotionen führen, Listen schreiben, Aufgaben erledigen oder einen Zeitplan erstellen. Zwischen den einzelnen Konsultationen erledigt die Person Hausaufgaben oder Übungen, um weiterzukommen.

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Wie sieht der zeitliche Ablauf aus?

Nun, es kommt darauf an. Wir greifen lieber punktuell auf mentales Coaching zurück, ohne den Vorgang zwangsläufig über längere Zeiträume zu verlängern. Bei einem Prozess, der mit der persönlichen Entwicklung verbunden ist, kann es jedoch zu einem etwas längeren Verlauf kommen. 

Vergessen wir nicht, dass psychologisches Coaching allgemeinen für Menschen gedacht ist, die sich bereits in einer guten psychischen Verfassung befinden. Es handelt sich also nicht um einen therapeutischen Ansatz.

Inwiefern rückt die Pandemie die Rolle des Mentaltrainers ins Rampenlicht?

Die Psychologie und ihr Nutzen sind zu allen Zeiten erprobt, ob Pandemie oder nicht. Wir können jedoch feststellen, dass die aktuelle Situation viele Faktoren von Stress, Angst und Konflikten verschärft. Vor allem der Lockdown kann familiäre Konflikte und den Verlust sozialer und beruflicher Bezugspunkte begünstigen. 

Es ist schwieriger, sich selbst und sein Leben zu projizieren, seinem Beruf oder Projekten einen klaren Sinn geben. Dies vor allem, wenn der aktuelle Kontext neu ist. Deshalb wird der Mentaltrainer (wieder) zu einem wichtigen Akteur, an den man sich wenden kann, um Ordnung zu bringen.

geschrieben von Thomas Pfefferlé

Mynd imge

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